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Was ist ReLv?

„Schwingt ihr die Wörter?“ Mit dieser Frage kann man Gütersloher Schülerinnen und Schüler nicht irritieren, denn sie tun es fast alle. Relv steht verkürzt für „Rechtschreiben erforschen - Lesen verstehen“. Der Unterricht, in dem man mit Bewegung die Rechtschreibung erlernt, lässt Schülerinnen und Schüler zu sicheren Rechtschreibern werden.

ReLv steht für ein integratives Unterrichtskonzept zur Förderung der Basiskompetenzen Rechtschreiben und Lesen. Es wurde in einem Arbeitskreis in Gütersloh von engagierten Kolleginnen verschiedener Schulformen entwickelt. Von der Primarstufe an werden Schülerinnen und Schüler danach unterrichtet. Die hier gelegten Grundlagen werden in der Sekundarstufe I genutzt und ausgebaut.

Entwicklung von ReLv

Ausgangspunkt für die Arbeit war die Tatsache, dass es uns an effektiven Förderkonzepten fehlte, die von einer differenzierenden Diagnose ausgehen und den Schülerinnen und Schülern gemeinsames Lernen, individuelle Förderung sowie verlässliche Lernzuwächse ermöglichen. Wir standen hilflos vor der Situation, dass wir nicht wussten, warum Fehlleistungen auftreten und wie wir erfolgreich reagieren bzw. intervenieren konnten.
Ziel war es deshalb, ein Konzept zu entwickeln, das, ausgehend vom Kind, die Prinzipien der Rechtschreibung ebenso lehr-und lernbar macht wie die Fähigkeit, Texte zu erschließen.
„Erforschen“ und „Verstehen“ stellen die Eigentätigkeit der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt des unterrichtlichen Geschehens, aber auch der Austausch zwischen den Lernenden und Lehrenden spielt für die Konstruktion eigenen Wissens eine zentrale Rolle. Entsprechend dieser Auffassung arbeiten alle Schülerinnen und Schüler zwar gemeinsam nach diesem Konzept, es können aber auch alle Kinder, je nach ihren Lernständen, individuelle Unterstützung bzw. Förderung durch individualisierende Angebote erfahren. Durch diese integrative Art des Lernens werden erfahrungsgemäß Lese-Rechtschreibschwächen zum großen Teil verhindert bzw. durch eine kontinuierliche Arbeit abgebaut.
Einen großen Motivationsschub erhielten die ReLv - Entwicklerinnen, als die Freiherr - vom -Stein-Realschule und die Geschwister - Scholl - Realschule 2003 gemeinsam den 1. Preis beim Landeswettbewerb „Neue Wege des Lernens“ für das Unterrichtskonzept gewannen und die Pilotklassen der Grundschulen hervorragende Ergebnisse erzielten.

Grundlagen von ReLv

Bei der Suche nach effektiven Förderkonzepten, vor allem für Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche, stieß die Arbeitsgruppe 1999 auf das Förderkonzept der Freiburger Rechtschreibschule (FRESCH), das uns aus mehreren Gründen sehr Erfolg versprechend zu sein schien:
FRESCH arbeitet kontinuierlich mit den Rechtschreibstrategien Schwingen, Weiterschwingen, Ableiten und Merken. Diese Konzentration auf vier Grundstrategien schien uns geeignet, den Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwächen Sicherheit zu vermitteln.

  • Nach FRESCH wird das Lernen über die Eingangskanäle Bewegung, Hören und Sprechen praktiziert, damit werden verschiedene Verarbeitungs- und Lösungsstrategien gefördert und Defizite ausgeglichen.
  • Nach FRESCH führen die Lernenden immer zwei Tätigkeiten aus: Sprechen und Bewegen, Sprechen und Schreiben, Sprechen und Silbenbögen ziehen (Kontrolle). Das fördert die Koordination von zwei neurologischen Mustern.
  • Die Arbeit mit den Strategien ermöglicht eine differenzierte Diagnose und eröffnet Möglichkeiten der gezielten Förderung.

Der Mitbegründer der Freiburger Rechtschreibschule, Günter Renk, bot uns eine Fortbildungsveranstaltung an, und in der Folge machten sich eine Förderschule, mehrere Grundschulen, eine Hauptschule und zwei Realschulen auf den Weg, nach diesem Konzept zu fördern.

Vom Förderkonzept zum Unterrichtskonzept

Erste positive Erfahrungen mit dem Konzept FRESCH zeigten, dass es aus verschiedenen Gründen problematisch war, es auf die Förderung schwacher Leser und Schreiber zu beschränken:
Die Ermittlung der Rechtschreib- sowie der Leseleistungen mit standardisierten Testformaten förderte an den beiden Realschulen das Ergebnis zu Tage, dass durchschnittlich 1/3 aller Lerner der Eingangsklassen der besonderen Förderung bedurften.

Auf der Basis der Testergebnisse waren aber mehr als 2/3 aller Schülerinnen und Schüler pro Klasse förderwürdig, wenn man Prozentränge von unter 50% ansetzte. Von diesem Ausmaß waren wir überrascht, und wir standen vor der Frage, wie wir z. B. die Kinder fördern, die keineswegs sichere Rechtschreiber und Leser sind, aber nicht der Gruppe mit besonderem Förderbedarf zuzuordnen waren.

Angesichts des festgestellten Förderbedarfes stellte sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll sein konnte, eine Förderung außerhalb der gesamten Lerngruppe anzubieten, die den unsicheren Rechtschreibern zusätzlichen Unterrichtsstoff abverlangt, der oft gar nicht mit dem Unterricht verknüpft ist. Effektiver erschien uns, die Förderung im Rahmen des täglichen Unterrichts - also integrativ - zu betreiben, insgesamt anders zu unterrichten und dadurch alle Lerner besser fördern zu können.
Angesichts der positiven Erfahrungen mit dem Lernen nach FRESCH lag die Idee nahe, diese motivierende und Erfolg versprechende Art des Lernens allen Schülerinnen und Schülern zukommen zu lassen. Es wurde deshalb beschlossen, aus dem Förderkonzept ein Unterrichtskonzept für alle Schulformen zu entwickeln.

Prinzipien von ReLv

Ein Unterrichtskonzept für alle Schülerinnen und Schüler muss drei wesentliche Kriterien erfüllen:
Es muss

  • den kompetenzorientierten Lehrplänen entsprechen. sowohl die Grundschullehrpläne als auch die Kernlehrpläne für das Fach Deutsch in der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen geben vor, dass die Schülerinnen und Schüler richtig schreiben müssen, und zwar auf der Laut-Buchstaben-Ebene, auf der Wortebene, auf der Satzebene, und sie müssen über Lösungsstrategien verfügen.
  • die schulpolitischen Vorgaben von Unterrichtsentwicklung berücksichtigen. Der Unterricht muss kooperative Lernformen nutzen und individualisiertes Lernen ermöglichen. Voraussetzung dafür ist der Erwerb von Strategien, über die Schülerinnen und Schüler selbstständig verfügen.
  • den Prinzipien guten Unterrichts entsprechen, nach denen die Lernenden Gelegenheit haben müssen, ihr Wissen zu konstruieren und kumulativ aufzubauen. Dadurch bekommt der lösungs- und prozessorientierte Unterricht eine besondere Bedeutung.

Gemeinsames Lernen

Beim Erforschen der Rechtschreibung lernen sichere und unsichere Rechtschreiber gemeinsam mit Gewinn. Voraussetzung ist ein Lernklima, in dem die Fehler mit Gelassenheit und Ermutigung thematisiert werden. Den Fehlern wird der Schrecken dadurch genommen, dass immer konstruktiv über eine Lösungsstrategie reflektiert wird. Bei unsicheren Rechtschreibern zeigt sich der Erfolg dadurch, dass ein strategisches Vorgehen sie aus der Hilflosigkeit befreit und ihre Fehler reduziert. Für sichere Rechtschreiber zeigt er sich in der zunehmenden Fähigkeit, über die bis dahin intuitiven Schreibweisen in vereinbarter Weise zu sprechen. Damit kann Austausch zwischen allen am Unterricht Beteiligten stattfinden.

Prinzipien der Sprache durchschauen

„Rechtschreiben erforschen“ macht die Lerner zu aktiven Forschern, die sich mit der Frage auseinandersetzen, nach welchen Prinzipien Wörter geschrieben werden. Dazu werden Lernprozesse initiiert, in denen drei relevante Prinzipien der deutschen Sprache transparent und verstehbar werden. Das sind die Laut-Buchstaben-Zuordnung, das Stammprinzip und die Ausnahmeschreibungen. Das Wissen darüber baut sich kumulativ auf.

Strategiewissen erwerben

Das Konzept arbeitet mit Strategien, die keineswegs neu sind: Schwingen, Verlängern, Ableiten, Merken, Wörter zerlegen. Neu ist allerdings, dass das Rechtschreiblernen um diese fünf Grundstrategien herum organisiert und mit Reflexion über Sprache verknüpft wird. Dazu werden nicht nur Schreibweisen erforscht, sondern auch die Strategien selbst. Bei welchem Problem hilft welche Strategie? ist die begleitende Frage allen unterrichtlichen Handelns. Ziel ist es, das Wissen lehr- und lernbar zu machen, über das sichere Rechtschreiber intuitiv verfügen. Die Schülerinnen und Schüler erwerben transferierbares Wissen.

Integration der Lernbereiche des Deutschunterrichts

Erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten werden nur dann zu verfügbarem Strategiewissen, das man selbstständig nutzen kann, wenn das Wissen verstetigt wird und Schülerinnen und Schüler immer wieder, auch durch Überlernen, die Chance haben, es zu nutzen und anzuwenden. Insofern werden die Strategien in allen Bereichen des Faches Deutsch eingesetzt.

Prozessorientierung, auch im Rechtschreibunterricht

Für Rechtschreiblernen gilt wie für jedes Lernen, dass nicht nur die Ziele, sondern auch die Lernprozesse wichtig sind. Damit sich in diesen Prozessen alle Beteiligten austauschen können, muss eine gemeinsame Sprache vorhanden sein. Sie wird durch Reflexion beim Strategieerwerb gesichert, Symbole für die Strategien erleichtern die Kommunikation.

Übersicht über die von ReLv genutzten Strategien

Anforderungsbereiche der KLP Prinzipien Strategien Strategiezeichen
Laut-Buchstaben-Zuordnung Lauttreue Schwingen
wortbezogene Regelungen Stammprinzip Verlängern
Ableiten
Zerlegen
Ausnahmeschreibungen Merken
satzbezogene Regelungen Großschreibung 3 Strategien zum Erkennen von Nomen

Diagnose als Grundlage für effektives Rechtschreiblernen

Die in den Tests diagnostizieren Rechtschreibunsicherheiten müssen die Basis sein für einen fördernden Unterricht. Beim Vergleich von Defiziten und gängigem Unterrichtsstoff wird deutlich, dass vieles von dem, was rechtschreibkundige Lehrende als selbstverständlich voraussetzen, bei den Lernern nicht gesichert ist. Weil sie das zu Übende nicht verstehen, können sie Neues nicht mit dem schon Bekannten vernetzen, und sie können das Geübte nicht in ihr eigenes Schreiben integrieren. Deswegen wird bei ReLv das Verstehen vor das Üben gesetzt.

Strategieorientierte Fehleranalyse

Die erworbenen Schreibstrategien werden als Korrekturstrategien genutzt und ermöglichen einen konstruktiven Umgang mit Fehlern. Zur Fehlermarkierung wird das Strategiesymbol an die Fehlerstelle im Wort gesetzt. Damit erhält der Lerner nicht nur zielgenaue Information über den Fehler, sondern auch eine Korrekturhilfe, mit der er den Fehler beheben kann. Dies kann von den Lernern mit zunehmendem Wissen komplexer und selbstständiger durchgeführt werden, gute Rechtschreiber werden dabei zu kompetenten Schreibberatern.

Individuelle Förderhinweise

Über die Korrektur des Einzelwortes hinaus erhalten Lehrer und Lerner Hinweise auf Unsicherheiten in der Strategieanwendung, woraus sich individuelle Förderhinweise ergeben. Der große Gewinn ist die Transparenz, die dazu führt, dass Förderbedarfe, teilweise durch Eigendiagnose, von jedem einzelnen Schüler selbst festgelegt werden können.
Damit werden die Lernenden in die Verantwortung für ihre eigene Rechtschreibung genommen. Außerdem erhalten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, durch immer wiederkehrende Anwendung in allen Bereichen des Faches ihr Wissen zu festigen. Die Transparenz und die eindeutige Definition der Einsatzbereiche der Rechtschreibstrategien machen es möglich, dass alle textbasierten Fächer sich der Strategien bedienen können und so eine sprachliche Förderung in allen Fächern möglich ist, die das Wissen der Kinder vernetzt.

Fazit

ReLv fördert nicht nur die Rechtschreib- und Lesekompetenz, sondern führt zu einer integrativen individuellen sprachlichen Förderung aller Schülerinnen und Schüler.

ReLv

  • arbeitet ganzheitlich,
  • stellt die erforschende Tätigkeit der Kinder in den Mittelpunkt,
  • setzt auf Austausch und Metakognition aller am Unterricht Beteiligten,
  • sichert eine für alle verbindliche, transparente Unterrichtssprache,
  • integriert die Förderung unsicherer Lerner in den Unterricht,
  • führt zu kumulativem Wissensaufbau,
  • baut transferierbares Strategiewissen auf
  • integriert die Bereiche des Faches Deutsch,
  • ist für andere Fächer nutzbar.

Evaluation

Seit dem Jahre 2000 werden in allen ReLv - Schulen regelmäßige Evaluationen durchgeführt, auf deren Basis die Wirkung des Konzeptes geprüft wird. Die Grundschulen sind durch die Schul- und Bildungsberatung überprüft worden, die Ergebnisse wurden in einem Projektbericht 2004 – 2007 veröffentlicht. Ohne auf Bewertungsdetails eingehen zu wollen, kann man folgende erfreuliche Tendenzen sehen:
Insgesamt verlassen deutlich weniger Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf die Grundschulen, wenn diese systematisch nach ReLv arbeiten. Die Anzahl der LRS- Risikokinder konnte in den Pilotklassen der teilnehmenden Grundschulen erheblich reduziert werden.

In den nach ReLv arbeitenden Schulen der Sekundarstufe I reduziert sich die Anzahl der Kinder mit Förderbedarf in den Erprobungsstufen deutlich. Nach einem Jahr bleiben im Schnitt 1/3 der ursprünglich zu fördernden Kinder, nach einem weiteren Jahr nur noch wenige Lerner, die weiterer Förderung bedürfen. Nach ReLv lässt sich nicht nur die Leistung schwacher Lerner verbessern, auch die guten und sicheren Rechtschreiber profitieren nachweislich, vor allem durch die Sprachreflexion, die im Unterricht eine zentrale Rolle spielt. Auch Kinder mit Migrationshintergrund erhalten durch das strategieorientierte Arbeiten Sicherheiten, verbessern ihre Ergebnisse, erfahren durch die Reflexion eine deutliche Sprachförderung.
Der Fachbereich Jugend kommt in seinem Bericht zu der Aussage, dass die in das Projekt eingebrachten Kosten erheblich geringer waren als die jährlichen Ausgaben für die LRS -Fördermaßnahmen. Das Ziel, diese Ausgaben deutlich zu senken, sei noch während der Laufzeit des Projekts erreicht worden.

Verstetigung

Die Leistungen unsicherer Rechtschreiber bessern sich nicht allein dadurch, dass man sporadisch und additiv an ihnen arbeitet. Die Förderung dieser Basisqualifikation braucht systematisches und integratives Arbeiten.
Nach ReLv zu unterrichten, ist deshalb als systemische Arbeit und Teil schulischer Unterrichtsentwicklung zu verstehen. Es braucht ein gemeinsames Arbeiten aller Lehrenden, damit der stetige kumulative Wissensaufbau stattfinden kann. Das bedeutet enge Kooperation, aber auch gegenseitige Unterstützung auf einem Weg, der Unterricht vom Schüler aus denkt und den Kompetenzerwerb der Lerner in den Mittelpunkt stellt. So ist die Arbeit auch dann besonders effektiv und nachhaltig, wenn sie in den Arbeitsplänen der Schule und im Schulprogramm ihren Niederschlag findet. Das Konzept ReLv wird von Moderatoren und Moderatorinnen des Kompetenzteams für staatliche Lehrerfortbildung des Kreises Gütersloh vermittelt, die auch die notwendige Prozessbegleitung mit im Auge haben. Fortbildungen werden für die Förderschulen, die Grundschulen und die Sekundarstufe I angeboten.

Literaturhinweise

  • Michel, Hans-Joachim (Hg.):Fresch – Freiburger Rechtschreibschule. AOL Verlag. Lichtenau 2001
  • Praxis Deutsch. Rechtschreiben erforschen. Heft 170 Friedrich Verlag. Seelze. 2001
  • Peter Eisenberg/Matthias Butt. Ratgeber Rechtschreiben. Friedrich Verlag. Seelze. 1996
  • Standardorientierte Unterrichtsentwicklung. Modul 3: Kompetenzorientiert diagnostizieren und fördern. Teil I und II. Landesinstitut für Schule/Qualitätsagentur. Soest. 2006
  • Rechtschreiben erforschen 5/6. Schülerarbeitsheft und Lehrerheft, Cornelsen Verlag. Berlin 2006
  • Kernlehrplan Deutsch für Sekundarstufe I in Nordrhein Westfalen ( für alle Schulformen der Sek. I)
    Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in NRW. Heft 2012. 2008
  • Relv-Rechtschreiben erforschen Lesen verstehen, Projektbericht 2004-2007 (Schulamt für den Kreis Gütersloh)